Sardinien

 
 

Sardinien, eines der ärmsten Gebiete Europas, ist zu einem fazinierenden Reiseziel geworden. Steine, Strände, Bauern, Hirten und Schafe prägen das Gesicht der Insel. “Sa domu est minore, sa coru est mannu” – das Haus ist klein, das Herz ist groß, so ein sardisches Sprichwort. In der Tat finden sich auf Sardinien keine Prunk- und Prachtbauten, außer die von ausländischen Reichen, die sich hier niedergelassen haben. Der Charakter der Insel ist nicht mit dem Charme des italienischen Archipels zu vergleichen und auch italienisch sprechen die Sarden nicht, obgleich sie es natürlich verstehen – sondern sardisch. Sardinien ist eine Insel der Steine und Mauern.

Karge Berglandschaften und schier endlose Mauern, die das Eiland in Parzellen unterteilt. Glaubt man den sardischen Legenden, so hat den Schöpfer angesichts seines mißlungenen Werkes die Wut gepackt. mit allmächtiger Hand habe er alles Erbaute weggewischt. Nur der Gennargentu, Sardiniens großes Bergmassiv, den Monte Albo und den Monte Limbara habe er vollendet, aber nur damit die herumliegenden Steine und Felsen mit ins Tyrrhenische Meer rollen. Die Sarden lieben die Einsamkeit. Diese Einsamkeit, die über der Insel liegt spürt man wenn die Fähre in die Bucht von Olbia einläuft.

 

Diese Einsamkeit, die geradezu zum Schweigen verleitet. Schriftsteller wie Gavino Ledda und Grazia Deledda beschreiben diese eigentümliche Stille und Sprachlosigkeit Sardiniens. Sie begreifen die Einsamkeit und das Schweigen der Sarden als deren wahre Freiheit. Gewiß sind dies ungewöhnliche Gedanken zur bizarren Landschaft sowie der Eigentümlichkeit seiner Bewohner und gerade hierin liegt der Reiz der Insel. Auffallend sind die krassen Gegensätze, die das Bild der Insel heute noch prägen. Traditionelle Feste, Kleidung und Bräuche sind tief in den Alltag der Sarden verwurzelt. Armut und ein bescheidener Reichtum aus der Schafzucht oder Ackerbau, kleine Steinhäuser und die Vendetta, die Blutrache, die heute noch praktiziert werden soll. Und daneben die wirklich prachtvollen Strände mit azurblauem bis smaragdgrünem Meer, moderne Feriendörfer mit einem breiten Angebot an Freizeitaktivitäten und zahlreiche Touristen in den Sommermonaten aus Italien und Europa. Sardinien ist die bizarre und geheimnisvolle Perle unter der Mittelmeerinseln.

 

Literaturtip:
Gavino Ledda: Padre Padrone – mein Vater, mein Herr. Leddas Kindheitserinnerungen an das karge Leben in den sardischen Bergen sind ein Blick zurück in Bitterkeit und Trauer. Es ist eine Welt der Prügel Furcht und Einsamkeit aus der er sich befreit. Nach Abschluß seines Studiums kehrt er vom italienischen Festland in seine Heimat zurück, um an der Universität von Sassari LinguistiK zu unterrichten. Ein sehr beeindruckender autobiographischer Roman, bei dem man sich immer wieder vor Augen halten muß, daß er nicht in einem weit entfernten Land oder in einer lang zurückliegenden Zeit spielt. Das Buch wurde 1977 verfilmt und mit der Goldenen Palme prämiert.

 

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